Nüme wiit

das, Nüme [ˈnyːmæ] wiit [ʋiːt]: "Nicht mehr weit" oder "bald", hier auch verwendet als Masseinheit von noch zurückzulegender Strecke.

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Keine Zeit

Die Leute sagen immer, dass die Zeit so schnell vergeht. Sie sagen auch, haben wir das Jahr endlich erledigt. Und sie fragen sich, wo all die Tage hin sind, gerade jetzt, um das neue Jahr herum, wenn die Zahlen uns vorzählen, wo der Anfang und wo das Ende ist. Als wäre das Leben eine Aufgabe, die man zunächst fertig rechnen müsste. Und dann sitzen sie im Januar unter einem trockenen Baum, dem die Nadeln aus dem Gesicht hängen. Und verlangen alles von der noch ungeschehenen Zeit und wissen genau, dass sie nicht alles dafür geben werden. Sie schauen in ihre Kalender und sehen, dass die Wochenenden auf Monate hin schon ausgebucht sind und dann fragen sie sich, wo ihr Leben eigentlich bleibt und ob es irgendwann anfängt. Relativ sinnlos, dieses Leben.

In der Relativitätstheorie sagen die Wissenschaftler: Wer sich (schnell) bewegt, für den vergeht die Zeit langsamer. Ich denke mir dann oft, dass es vielleicht daran liegt, dass meine Zeit ein fliessender Stein zu sein scheint, der mir hin und wieder zwar schwer im Magen liegt, aber trotzdem nicht zu greifen ist. Ich kann das einfach so nicht sagen, so wie meine Mutter das sagt, dass die Zeit fliegt. Sie sagt das jedes Jahr Ende Dezember, meistens am Kaffeetisch. Manchmal sagt sie sogar, dass sie das Jahr totgeschlagen hat, ich erschrecke dann immer etwas und fühle nach meinem Puls. Meine Zeit fliegt nämlich nicht, sie kriecht auf meinem Fensterbrett wie eine Nacktschnecke und trocknet glitzernd in der Sonne aus. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich schon tausend Jahre lebe, oder eher, dass ich es schon tausend Jahre versuche. Ich werde 30 in ein paar Monaten. Das ist nichts im Vergleich zu einem Kometen oder einem Neutronenstern oder zu Helmut Schmidt. Ich möchte nicht wissen, wie oft ich noch explodieren oder in Richtung absoluten Nullpunkt gefrieren muss, um denen ebenbürtig zu sein. Aber wenn ich mir dagegen anschaue, wie flüchtig das Glück ist, lebe ich schon ewig. Letztes Jahr war eine Ewigkeit im Vergleich zu jetzt. Wenn du willst, kann ich dir genau sagen, was ich wann wo gefühlt habe. Ich liebe diesen sinnlosen Quatsch aus Erhoffen, Erleben und Erinnern, alles andere wäre ja Wahnsinn. Wenn meine Zeit nicht jeden Morgen wieder anfangen würde, ich wäre enttäuscht.

Ich bin zum Beispiel 364 Mal aufgestanden letztes Jahr. Ein Mal habe ich durchgemacht, das zählt nicht. Ich kann mich nicht an jeden Morgen erinnern, aber ich weiss noch genau, wie schwer es immer war, die träge Masse in Schwung zu versetzen. Das liegt meiner Meinung nach nicht am Alter, nicht am Verschleiss, sondern viel eher an der gesunkenen Erwartungshaltung an die Welt. Ich bin auch schon mal liegen geblieben, hab gar nichts erwartet, das war auch nett, so schön ruhig im weissen Rauschen. Aber jeder, der das schon einmal gemacht hat, sich der Bewegung verweigert, der weiss, wie schnell der Stillstand zum normalen Zustand wird. In diesen Momenten verstehe ich, was Einstein meinte. Dann nämlich, in der Starre, vergeht die Zeit an einem vorbei, sie findet einen nicht, sie fliegt zwar nicht, wie meine Mutter sagt, aber sie kreist ein paar Mal um die Deckenlampe und knallt dann flügelschlagend gegen die Fenster, so lange, bis ich sie erlöse und das Ding ankippe. Ansonsten bleibt lediglich festzuhalten, dass auch der Albert schon gestorben ist, trotz Lichtgeschwindigkeit im Kopf. Aber von einem Ausweg hat ja keiner was gesagt, eher von einer Verzögerung. Verzögerungen machen mich glücklich, dass sich das Ende noch verzögert zum Beispiel oder lange Bahnfahrten oder das sich die Jahre ziehen, bis man sie erschlagen muss, damit sie endlich gehen. Besser so, als wäre man nie da gewesen.

Wenn ich zum Beispiel die Menschen anschaue, dann sehe ich lang gezogene, verzögerte Lebenslinien, die sich ineinander verheddern und sich voneinander entfernen, nur um dann wieder aufeinander zu zu tendieren. In der Mathematik sagt man dazu Asymptoten oder auch – unendliches Annähern ohne Erfolg. Quasi der Tod der Hoffnung im Hoffen. Wir sind uns alle einander gerade so Grenzwert. Die Mathematik hat hin und wieder klasse Metaphern parat, da kannst du tausend Gedichte drüber schreiben und trotzdem unterm Gedankenstrich nicht drauf kommen. Das stimmt in deinem Bett genauso, wie in der Nachbargalaxie. Ich bin eine Asymptote, lebendig zwar, aber dazu verdammt, die Menschen dicht vor mir zu sehen und doch niemals bei ihnen zu landen. Schau dir an, wie sie kommen und gehen. An allen Tagen bin ich letztes Jahr Menschen begegnet, manchmal mehreren, manchmal nur mir. Wenn ich mir jetzt anschaue, wie viele davon noch da sind, weiss ich genau, wo die Zeit hin ist. Sie ist mit den meisten von ihnen in ihre schwarzen Löcher gefallen. Licht fällt auch in schwarze Löcher, die Astrophysiker sagen ja, dass sich alle Materie voneinander entfernt und wir deshalb in so und so vielen Jahren die anderen Galaxien und Sterne nicht mehr sehen können. Zappenduster wird das. So erleben wir das auch jedes Jahr. Gerade noch war die Supernova in deinen Armen, schon hast du dunkle Materie unter den Nägeln. Gerade eben waren wir einander noch wichtig, haben uns angerufen, verabredet und spontan abgesagt. Dann gehen wir einen Schritt zur Seite und was im Schatten bleibt ist die Enttäuschung an Silvester, wenn keiner schreibt, was er für dich gefühlt hat im letzten Jahr. Oder noch schlimmer, fühlen will in Zukunft. Denk daran, wenn du aus einem Leben gehst – du nimmst immer Zeit mit. Wir tragen sie in unseren Haaren, hinter den Ohren, in den Hosentaschen, zwischen den Beinen und unter dem Herzen. Wir reissen sie raus, wir leihen sie uns, wir fragen manchmal nicht einmal. Und irgendwo sitzt dann einer im Januar, der sich fragt, wo ein grosser Teil davon hin ist.

Die Wissenschaft versucht gerade herauszufinden, ob es vielleicht ein Multiversum gibt. Also nicht nur unser Universum, sondern sehr viele andere, in denen all das möglich ist, was in unserem nicht ist. Stell dir das mal vor, du musst nichts bereuen, nichts vermissen, weil alles irgendwo ist und war und sein wird oder schlichtweg als sinnlos weggelassen wurde. Eine tröstende Vorstellung auch für mich, gerade wenn man sich fragt, was aus einem werden soll in den nächsten Jahren. Irgendwo sitze ich also vor meinem Schreibprogramm und weiss vor lauter Glück gar nicht, worüber ich mich melancholisch beschweren soll. Irgendwo bin ich längst tot, gestorben an Verständnislosigkeit die Dinge betreffend. Irgendwo machen sich die Menschen keine Vorsätze für das neue Jahr, sondern machen einfach, was sie wollen. Irgendwo zünden sie keine Häuser an, in denen die leben, die vorm Feuer geflohen sind. Irgendwo gibt es gar keine Liebe und alle schauen sich in die leeren Augen und fragen sich, wo da der Witz dran sein soll. Irgendwo sitzt meine Mutter an einem gedeckten Esstisch und sagt, während sie die Gans zerlegt – die Zeit ist dieses Jahr aber wieder schnell vergangen. Zum Glück hab ich sie genutzt.

Das hier und heute ist kein Neuanfang, mir nicht, dir nicht. Es ist wie fast alles nur ein Zwischenstand. Wenn du willst, fang morgen neu an oder lass es für immer bleiben. Aber gib nicht der Zeit die Schuld, die ist nichts anderes als für dich da oder eben nicht. Es ist auch eine Erinnerung an mich, sag mir das ruhig, wenn ich es mal vergesse. Ich will das nämlich nie sagen, dass die Zeit schnell vergeht und das ich nicht weiss, wo sie geblieben ist. Ich will in den Spiegel schauen und sehen wo die Tage sind, in frisch geworfenen tiefen Spalten unter meinem Gesicht, die darauf warten, dass ich in sie stürze. Aber wenn ich das tue und irgendwann werde ich, dann falle ich nicht. Ich springe mit dem Kopf voran hinein. Bis dahin habe ich allerdings vor, ewig zu leben.

Eine Antwort zu „Keine Zeit“

  1. Karin

    Schöne Metaphern, ich werde 107 und lach mich vorher nicht tot und sterbe nicht vor Langeweile und jedem neuen Jahr , klopfe ich auf seine Schultern und ruf ihm zu:: SCHÖN DAS DU DA BIST!!!

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