Während ich durch das Land fahre und die zerfallenen Häuser, Höfe, verrostete Autos aus dem letzten Jahrhundert und einiges anderes Vergessengegangenes entdecke, falle ich in endlose Traurigkeit. Das Wetter trist und der Himmel unfreundlich, tun ihr übriges zu meiner Schwermut dazu. Im Konsum der kleinen Dörfer sehe ich ältere Menschen, gezeichnet von schwerer Arbeit, vielleicht auf dem Feld, die sich fröhlich oder auch nicht unterhalten oder auch nicht. Sie kaufen Schnaps und salziges Fleisch. Die Kassiererin träumt von besseren Zeiten, während sie abwesend meine Hafermilch einscannt. Ich möchte heulen.
Die Hauptstadt umhüllt von Kilometer weitem Plattenbau, hier grade frisch gebaut und dort schon lange verfallen. Vergnügungsanlagen, Outdoor Fitness, Hundetrainingsplätze, Spielplätze, riesige Baumärkte und Grosshändler. Alles mitgedacht. Es hatte halt noch Platz, hier am Stadtrand.
Die Weite der Felder, bellende Hunde und Schotterpisten bis zum Horizont. Lauter Schreckschuss auf den nicht enden wollenden Rübenäckern. Das Land gibt mir Platz, wenn auch auf seine ganz eigene Art und Weise. Ich habe viele Fragen.
Seit gut vier Wochen sitze ich wieder auf meinem Drahtesel, der den Winter, im Gegensatz zu mir bestens überstanden hat. Wir rollen Richtung Schweden, mit der Fähre geht es in den Osten. Ich finde mich wieder in Estland. Der Plan, in die Nähe der russischen Grenze. Nicht am Meer, zu kalt und zu viel Wind. Mal schauen, wie das so ist auf dem Land, wo niemand ist.
Mit all dem Nassschweren, klebrig und Morastigen in meiner Seele finde ich mich wieder in einer Stadt, in einem kleinen Laden für traditionelle estnische Küche und (Lebens)Kunst. Ich finde mich wieder, vor einem ebenso lang gekochten Gericht wie ich schon durch das Land fahre. Wohlig eingehüllt fühle ich mich plötzlich, umarmt von alter Tradition und Kultur, warum das so ist und dies, wird mir erklärt, meine Fragen nach und nach beantwortet, manchmal nur mit einem herzlichen Lächeln.
Vielleicht doch nicht so schlimm, vielleicht doch nur der kalte Frühling und die Gänse sind schliesslich auch wieder zurück gekommen, denke ich und packe meine Sachen.

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