Ich bin wie entblösst auf dem Fahrrad, mein einziger Schutz ein alter Helm, den ich irgendwann mal gefunden habe. Sonst ist da nicht viel an dem ich mich festhalten kann, vielleicht ein gewisses Urvertrauen, dass mich der betrunkene Autofahrer beim Vorbeirasen nicht streift und der Velolenker.
Während dem Reisen mit dem Fahrrad durch das Baltikum, an der Grenze zu Russland, beginnt in mir ein Gefühl aufzukommen, das ich bis dahin noch nicht in mir entdeckt habe. Ich spüre eine gewisse Nähe zu dieser Grenze. Der Militärkonvoi mit etwa 50 Fahrzeugen, der mir in Estland entgegenkommt, alle mit mindestens 100 Meter Abstand zueinander, damit im Fall eines Angriffs nicht gleich mehrere zerstört werden, bringt mich zum Grübeln: bin ich hier sicher? Bin ich auf der richtigen Seite? Die Fahrzeuge waren geladen mit gigantischen Flak, also Flugzeugabwehrkanonen. Einige der Soldaten winkten aus ihrer Kabine, ich winke unsicher zurück. Danke, dass ich hier rumradeln darf?
Mein Militärdienst in der Schweiz vor rund 15 Jahren war lächerlich. Ich lernte ein Maschinengewehr zu bedienen, im Falle eines Krieges wäre ich Kanonenfutter, aber auch das Kanonenfutter brauchts, es entscheide den Krieg, im Häuserkampf, sagen sie.
Meine Einstellung zum Militär beginnt sich zu verändern. Oder vielleicht etwas genauer: wenn es ernst wird, habe ich doch lieber die Fähigkeit ein Maschinengewehr zu bedienen. Oder nicht?
In einer Unterkunft im Nationalpark in Lettland begegne ich einem Grenzbeamten. Später am Abend bekommt er Besuch eines Uniformierten, sie beugen sich über eine Landkarte am grossen Esstisch. Mein Herz rutscht mir in den Schoss. Die Medienwirklichkeit wird durch meine Begegnungen real.
Ich höre einen Podcast über die estnische paramilitärische Frauenbewegung «Naiskodukaitse». Frauen erzählen über Ausbildung, Pazifismus, Nationalismus, ihre Grossmütter, die sich noch erinnern.
Das Baltikum war in den letzten 700 Jahren ständigen Besatzungen ausgesetzt. Das Nationalgefühl entwickelte sich am stärksten während der sowjetischen Besatzung zwischen den 50ern und 90ern und gipfelte im «Baltischen Weg», an dem 2 Millionen Menschen eine etwa 650km lange Menschenkette zwischen den Hauptstädten Tallinn, Riga und Vilnius bildeten, um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren.
Was mache ich hier? Auf meinem Fahrrad, planlos und unbeholfen. Ich schau mir eine Talkshow an. Zwei junge Frauen machen Werbung für die deutsche Bundeswehr. Man lerne etwas fürs Leben und verteidige die Werte. Die eine der beiden arbeitet in einem Unternehmen welches Drohnen für den Krieg herstellt. Ein weiterer Gast in der Runde ist Sozialist und schrieb das Buch: «Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde». Er hat recht. Die Propaganda ist auch bei uns angekommen. Sondervermögen für den Krieg aber nicht für den Sozialstaat.
Ich begegne einer Verkäuferin in einem kleinen Laden. «Labdien! Guten Tag! English?» Frage ich unsicher? «ye.. yes.. but s.. slow» entgegnet sie genau so unsicher. 500g Kartoffeln werden zu 5kg, wir lachen beide, die Flasche Cabernet Sauvignons scheint universell verständlich, woher das Wort Champignons wohl kommt? «Paldies! Danke!» sage ich und sie freut sich, sie zaubert mir mit ihrer Herzlichkeit das Urvertrauen zurück. Alles in Ordnung, ich darf hier sein.

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